Dieser Radiobeitrag von Geseko von Lüpke
ist auf dem ersten Frauen-Männer-Kongress 2012 entstanden

Neues von Adam und Eva?
Wege zu einer neuen Beziehungskultur


ZUSPIELUNG:   kurzer Ausschnitt aus Streit-Szene aus Henrik Ibsens "Nora" oder ‚Wer hat Angst vor Virginia Wolf’

ZITATOR

„Zwei sind nötig, damit einer  sich erkennt“   Gregory Bateson

ZUSPIELUNG:   kurzer Ausschnitt aus Streit-Szene aus Henrik Ibsens "Nora" oder ‚Wer hat Angst vor Virginia Wolf’

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„Liebe ist, das  in einem Menschen zu sehen, was Gott mit ihm gemeint hat.“           Fjodor Michailowitsch Dostojewski

ZUSPIELUNG:   kurzer Ausschnitt aus Streit-Szene aus Henrik Ibsens "Nora" oder ‚Wer hat Angst vor Virginia Wolf’

ZITATOR

„Die Liebe des selbstlos Wirkenden ermöglicht jeweils dem anderen den Seelenraum zu finden, in dem er seine eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten uneingeschränkt entfalten kann.“                Joseph Beuys

ZUSPIELUNG (Atmo 1 : Geschirr, das an der Wand zersplittert)

SPRECHERIN

Wir alle wissen aus innerer Erfahrung , welche zentrale Bedeutung die Qualität unserer Liebesbeziehungen in unserem Leben hat.

SPRECHER

Jedes Jahr finden sich rund 70.000 Ehepaare in diesem Land vor dem Scheidungsrichter wieder. Das sind rund 40 % der geschlossenen ‚Bünde fürs Leben’. Tendenz steigend.

SPRECHERIN

Die Erfahrung einer erfüllten Begegnung zwischen zwei Menschen gilt als Grundbaustein für ein gut gelebtes Leben.

SPRECHER

Aber: Jeder fünfte Deutsche lebt allein. Die Zahl der Singlehaushalte ist in den letzten zwanzig Jahren um rund 46% gestiegen.

SPRECHERIN

90% aller Deutschen wünschen sich Treue in Partnerschaften. Viele Verliebte wiederholen den romantischen Schwur auf die Monogamie: Für immer und ewig nur Dein, mit Leib und Seele! 

SPRECHER 

Und auch da ist der Wunsch der Vater des Gedankens . Die Statistiken variieren, weil nicht jeder gerne davon spricht, dass der Geist zwar stark, aber das Fleisch schwach  ist. Der Hamburger Diplompsychologe und Paartherapeut Holger Lendt  gibt zu bedenken: 

ZUSPIELUNG      Wort     1       (CD, 4:00)

Es gibt immer eine soziale Monogamie – eine soziale Bindung eben, um partnerschaftliche Projekte, eine Familie, ein Haus verwirklichen zu können. Und dann gibt es eine sexuelle Untreue. Das heißt, unsere Triebe gehen sehr viel fremd. Und nach den Statistiken, die sehr stark variieren, zeigt sich, 50 % der Ehen sind von Untreue betroffen. Und 90% der Männer und 75% der Frauen sind  im Laufe ihres Lebens schon mal irgendwann in einer Beziehung fremd gegangen. Das sind ziemlich erschlagende Zahlen.

ZUSPIELUNG (Atmo 1 : Geschirr, das an der Wand zersplittert)

SPRECHERIN

Jeder hält sein Liebesleben für etwas Besonderes  und meint:   ich bin anders als der Mainstream!’ Doch bei diesen Zahlen wird das Private zur kulturellen Frage: Ist das ‚Projekt Partnerschaft’ gescheitert? Leben wir in einer Gesellschaft von Menschen, die  das eine sagen und das andere – heimlich und verlogen – tun? Ist die Monogamie ein  Mythos? Stimmen die alten Vorstellungen von Ehe,  Familie, von Liebe überhaupt noch? Und wo geht die Reise hin, wenn die kirchlichen Warnungen  vor  Hölle und göttlichem Gericht  ungehört verhallen und die Gesellschaft ein Tabu nach dem anderen bricht, und den Eros zur Ware, aber niemanden damit glücklich macht?

SPRECHER

Die alten Mythen von Mann und Frau geistern uns im Kopf herum, doch sie nutzen uns nicht wirklich. Die klassischen Formen, die uns die Elterngeneration vorgelebt hat, scheinen immer weniger zu funktionieren. Die Beziehung zwischen Mann und Frau will neu verstanden, Missverständnisse ausgeräumt, Versöhnung zelebriert werden. Der in Kalifornien lebende Beziehungsforscher und Buchautor Martin Ucik skizziert für den Beziehungsalltag eine komplexe Dynamik:

ZUSPIELUNG    Wort     2                (3:55)

Wir legen ja die Schienen, während der Zug fährt. Und im Moment entstehen halt neue Beziehungs-Dynamiken, die sowohl kulturell bedingt sind, als auch durch Sozialsysteme. (0:30) In der Vergangenheit waren Männer und Frauen in klar definierten Geschlechterrollen. Und die haben sich dann in der Moderne und vor allem in der Postmoderne aufgelöst. Und vor allem haben die Frauen sehr stark die Domäne der Männerwelt sich erschlossen und sind da eingetreten, während die Männer nach wie vor in ihrer alten Geschlechterrolle als – vereinfacht gesagt – Beschützer  und Ernährer noch stecken bleiben. Und dadurch neue Dynamiken in Beziehungen entstehen, für die es einfach noch gar keine Rollenvorbilder und auch keine richtigen Landkarten gibt, wie Männer und Frauen damit umgehen können. 

SPRECHER

Männer versuchen, eine Balance zu finden zwischen authentischer Stärke und sensibler Achtsamkeit, Macho und Softie, sollen einerseits noch versorgen und hofieren, andererseits die weibliche Unabhängigkeit fördern. Was in dieser verwirrenden Polarität zuerst  baden geht, sind  Intimität und Erotik zwischen Mann und Frau. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 75 Prozent der Männer in einer Art Zwangszölibat leben, weil die Sexualität in ihren Beziehungen kaum mehr gelebt  wird. 

SPRECHERIN 

Und Frauen wissen nach Jahrtausenden des Patriarchats, nach Jahrhunderten der Tabuisierung weiblicher Sexualität, nach Phasen von Flowerpower und freier Liebe, radikaler Frauen-bewegung und neuer Bürgerlichkeit auch oft nicht mehr, wer sie eigentlich sind. Die besseren Männer wollen sie nicht sein!  Nach  dem Ende der  sicheren Sozialstrukturen wie Großfamilien und Clans , wird häufig alles Sehnen nach Gemeinschaft nicht selten auf den Partner projiziert. Die ganze  historische Last aber als Paar aufzuarbeiten und zu lösen, überfordert Mann wie Frau. Die Berliner Psychologin und Autorin Alexandra Schwarz-Schilling  sieht die Verwirrung zwischen den Geschlechtern deshalb als inneren Kern eines schwierigen kulturellen Wandels.

ZUSPIELUNG        Wort    3                   (2/4:05)

Ich denke, dass ganz viele der Krisen, die sich heute manifestieren, die schwer gestörte  Beziehung zwischen dem Männlichen und dem Weiblichen als Grundlage haben und auch ganz konkret zwischen Mann und Frau. Ich glaube, dass wir tatsächlich eine große Beziehungskrise haben. Angefangen mit der Beziehungskrise Mensch-Erde, aber eben auch Mensch-Mensch und insbesondere Mann – Frau sind die Krisen so zu sagen unübersehbar. Und neue Konzepte wollen geboren werden, neue Liebeskultur will entstehen.

SPRECHERIN

Doch statt, wie mal erträumt, mit einer selbstbestimmten Moral die Sexualität zu befreien, ist sie mit Pornographie und Kommerzialisierung nur funktionalisiert worden. Wer sie in seinem Leben mutig bejaht, wird immer noch sozial ausgegrenzt. Knapp zwei Drittel der Bevölkerung folgen – oft glücklos – noch den alten Werten. Rund 20 Prozent schlingern eher haltlos übers postmoderne Beziehungs-Glatteis. Und vielleicht ein knappes Zehntel wagt  sich als Pioniere auf neues Territorium vor, für das es in Sachen Partnerschaft kaum Vorbilder gibt. Und bevor nach vorn geschaut werden kann, muss scheinbar erst mal mit der Vergangenheit aufgeräumt werden.

SPRECHER 

Und die reicht zurück bis in die  matriarchalen Gesellschaften der grauen Vorzeit, von der Forscherinnen annehmen, dass das Geschlechterverhältnis ein egalitäres war und die Rolle der Frau eine ganz andere, freie – und Sexualität als ein heiliges Mysterium galt. Dann folgten rund  5.000 Jahre Patriarchat, in denen Frauen der öffentliche Raum verwehrt blieb, ihre Lust bei Todesstrafe zur Sünde erklärt wurde und der Mann in seinem Begehren die Bestimmung der Frau in Heilige und Hure spaltete.

SPRECHERIN

In der alttestamentarischen Geschichte entsteht die Frau aus der Rippe des Mannes. Damit ist ihr ist eine gleichberechtigte Rolle in der Schöpfung eigentlich verwehrt. Als Projektion männlicher Phantasien scheint ein wirklicher Dialog auf Augenhöhe zwischen Mann und Frau ausgeschlossen. In der Kirchengeschichte wird das Feuer des Eros schließlich  mit Sanktionen  gelöscht, Sexualität schmutzig und in der monogamen Ehe auf eine schmuddelige Begleiterscheinung der Fortpflanzung reduziert, sagt die Autorin und ‚Liebesforscherin’ Dolores Richter.

ZUSPIELUNG     Wort   4            03:30)

Das heißt, dass wir uns im Moment damit beschäftigen müssen, was in den 5000 Jahren Kulturgeschichte passiert ist und welche Traumatisierungen stattgefunden haben. Und es hat z.B. ein ganz starker Verschluss des weiblichen Schoßes stattgefunden, weil jetzt mal von der Religion her, die weibliche Sexualität ja nicht gerade gewertschätzt wurde, sondern verbannt wurde: Wenn ,dann halt fürs Kinderkriegen. Die Heilung geschieht natürlich auf einer individuellen Ebene, aber auch auf einer kollektiven. Und dafür ist es wichtig, dass wir ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür erarbeiten, weil das ein Mann und eine Frau nicht miteinander lösen können. Die sind heillos überfordert, und das hat zur Folge, dass es unendlich viele Paartherapien und Workshops gibt, aber die greifen eben oft auch nicht die kollektive Ebene.

SPRECHER 

Seit Frauen vor fünfzig Jahren in der Frauenbewegung  damit begonnen haben, die Selbstbestimmung über ihren Körper, ihre Spiritualität und Macht zurückzuholen, reagierte der verunsicherte Mann damit, sein Selbstbild an die Bedürfnisse der emanzipierten Frau anzupassen. Der Macho war ‚out’, erst recht nach den männlichen Gräueltaten zweier Weltkriege. Und während Frauen zu den besseren Männern wurden, versuchten Männer ihre Intuition und Gefühle zu kultivieren, um ihre weibliche Seite zu entwickeln. Heraus kam Chaos, sagt der Sozialpädagoge, Psychotherapeut und Männer-Coach Armin Klein.

ZUSPIELUNG         Wort     5         (4:00)    

Männer haben historisch die Rolle gehabt, dass sie für Tod, Unterdrückung, Raub, Patriarchat verantwortlich sind. Aber sie sind nicht alleine, sondern es gibt die Frauen, Und es ist immer eine gemeinsame menschliche Entwicklung. Und es bedeutet für mich, das ich denke, dass Männer aus ihrer Schuld rauskommen und dadurch wieder handlungsfähig werden und kreativ werden und wieder in eine andere Form von Liebe kommen. (3:46) Für mich ist da der heißeste Punkt, dass wir langsam in eine Zeit kommen, wo wir uns nicht mehr gegenseitig Vorwürfe machen - Männer und Frauen. (1:45) Das was war, war. Das hat Geschichte, damit müssen wir leben, das müssen wir verantworten als Menschheit. Und was können wir daraus lernen? Was heißt das für die Zukunft?
 

SPRECHERIN

Welche Schritte müssen Mann und Frau tun , um das Ideal der Liebesheirat, das  ja erst in der Romantik entstand ,  vielleicht heute erst richtig lebbar zu machen ? Wie ist die Talsohle zu durchschreiten, die aus überhöhten Idealen, neuen Rollenzuschreibungen und wankenden Identitäten entstanden ist? 

SPRECHER 

Es scheint zuerst  darum zu gehen, dass Mann und Frau sich in sich selbst verankern, anstatt  Sicherheit und Identität nur über Partner oder  Partnerin zu suchen. Das braucht Abgrenzung und Mut zur Ehrlichkeit, anstatt im Kontakt nicht authentisch zu sein, erzählen Frauen auf dem jährlich stattfindenden ‚Männer-Frauen-Kongress’, wo gemeinsam nach Wegen in eine neue Beziehungskultur gesucht wird.

ZUSPIELUNG        Wort     6 + 7      (Ritual 2/58:20, 59:30)

FRAU 1:Wir Frauen sagen in der Sexualität oft Ja wenn wir Nein meinen. Wir wollen nicht fühlen, daß  der andere enttäuscht ist. Und wir wollen begehrt sein. Und für alle Teile ist es einfacher, wenn wir Frauen dazu stehen, was wir wollen und was wir nicht wollen. Und das klar und deutlich zum Ausdruck bringen.   

FRAU 2/29:55) Deswegen habe ich gelernt, alles zu machen, damit die Männer bleiben. Erst mal habe ich ganz früh meinen Schoß zu gemacht. Und dann habe ich ihn aufgemacht, ohne sie darin willkommen zu heißen. Und mir ist hier erst bewusst geworden, was das für eine Verletzung für einen Mann ist, wenn er in den Tempel darf und nicht willkommen ist. Und das tut mir total leid, dass ich das gemacht habe.

SPRECHERIN 

Das mögen ungewöhnliche und mutige Wege sein, um  Unaussprechliches einzugestehen. Doch sie bringen Licht und Erleichterung in die Schattenbereiche der Mann-Frau-Beziehung. Erst da, wo Verletzlichkeit selbstbewusst gezeigt und Verletzung eingestanden wird, besteht die Chance, Beziehung neu zu leben.

SPRECHER

Kaum anders sehen moderne Paartherapeuten die Situation des Mannes.  Jahrhunderte patriarchaler Gewalt, sexueller Übergriffe, Krieg, Dominanz und Abwertung haben nicht nur Frauen verletzt, in Defensive und Abgrenzung gedrängt, sondern auch die Liebe des Mannes unmöglich gemacht, sagt der Berliner Diplompädagoge und Paartherapeut Frank Fiess nach jahrelanger Therapie - Erfahrung mit Männern :

ZUSPIELUNG            Wort    8       (II/1:00)

Was sich da wie ein roter Faden durchzieht, war die Arbeit an ihrem Fühlen. Jeder hat auf seine Art gesagt: ich habe gelernt zu funktionieren als Mann. Ich habe gelernt, meinen Mann zu stehen, gut oder schlecht. Aber fühlen? Der Satz, wo wir oft gelacht haben, war: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Fühlen hat mir niemand beigebracht!" Und so haben Männer - das ist meine Erfahrung mit vielen - ihre Kompensationsstrukturen: Der eine arbeitet viel, der nächste raucht, der nächste säuft, oder sie sind sexsüchtig. Oder sie sind so verschlossen, dass Liebe in einem größeren Sinne kaum noch durch sie durchfließen kann. Also großes Thema ist das Herz des Mannes und sein Fühlen.  

ZUSPIELUNG    Wort    9        (Ritual 1; 26:25)

Ich stelle fest: Da ist ein Panzer. Wenn ich den aufmache, dann fließt das alles nach innen. Dieses Aufnehmen ist sehr stark in die Verletzlichkeit zu gehen. Das zu zeigen, damit zu sein. (28:04) Dann liebe ich einfach auch!

ZUSPIELUNG    Wort 10        (Ritual 1; 25:35)

Das fühlt sich an, wie wenn es platzt. Wenn ich den Panzer ablege, habe ich in manchen Momenten Todesangst. Ich denke, es zerreißt mich. Wenn ich das aushalte, dann könnte ich Euch alle umarmen.     

SPRECHER

... berichten Männer .Wenn  die modernen Paartherapeuten nicht irren , dann kommen Männer nicht vom Mars und Frauen von der Venus, sondern sind nur unterschiedlich traumatisiert. Dann  besteht der Weg zu  einer  neuen Beziehungskultur in der  Öffnung des fühlenden Herzens beim Mann und in der  Rückkehr zu einer selbstbestimmten Sexualität bei der Frau. Fließt beides, ist eine neue Ebene von Begegnung möglich. Ist der Kreislauf unmöglich, nimmt das Drama zwischen Mann und Frau seinen Lauf. 

SPRECHERIN

Doch die Heilung der manchmal uralten Traumata, so sagen die Begleiter und Therapeutinnen, braucht eigene Räume – und kann  nicht in den Partnerschaften selbst passieren. Da verhaken sich Männer und Frauen vielmehr darin, gegenseitig die Erfüllung ihrer tiefsten Bedürfnisse zu erwarten – und landen meist in hilfloser Bedürftigkeit und Streit. Stattdessen empfehlen sie den Männer und Frauen, ihre Themen mit ihresgleichen zu bearbeiten. Was früher oft belächelt wurde – die ‚Männer- und Frauengruppen’ – werden dann zum Ort der Heilung, sagt der Männercoach Jürgen Pflaum aus eigener Erfahrung:

ZUSPIELUNG        Wort  11        1:35) 

In allererster  Linie ist es der Selbstbezug zu mir, wo bin ich im Leben, wo stehe ich in meiner Kraft, in meiner Wahrheit und Ehrlichkeit mit mir selber. Daß  ich erst mal spüre, wo stehe ich, wo bin ich. Und, wenn es schwierig ist, braucht’s einfach Unterstützung von Männern. Zusammenzusein und zu sehen: Ich bin nicht allein mit den Themen, die mich da so rumtreiben, sondern sehe sie in anderen Männern, in anderen Formen und sehe: Ich steh zu mir. Und kann aus dieser Klarheit dann auch ganz anders einer Frau begegnen. 

SPRECHERIN

Und umgekehrt. Ein In-sich-zu-Hause-sein, das  Konflikte, Schatten und Probleme erkannt, artikuliert und geteilt hat, bevor es in die Begegnung geht. Da wird für das Beziehungs-Thema, das  die ganze Kultur prägt, eine neue Art von Schwestern- und Brüderschaft, jenseits von Kaffeeklatsch und Stammtisch, versucht. Sie soll helfen, das Alte aufzuarbeiten und das Neue möglich zu machen. 

SPRECHER

Denn in einer Welt, die sich kontinuierlich und in wachsender Geschwindigkeit ändert , bleibt auch die Liebe, die wir ab dem ersten Feuer meist unverändert genießen wollen, nicht gleich, sagt die Beziehungsforscherin und Autorin Dolores Richter:

ZUSPIELUNG            Wort  12            (37:45)    

Es fängt an - wie wir alle wissen - mit einer Verliebtheit, wo wir ineinander eine Möglichkeit sehen, die oft auch da ist im Wesen des Menschen. Und in der Verliebtheit denken wir, dass das alles ist. Und dadurch ist ja auch das Glück so groß. (38:35) In der zweiten Phase ist dann so ein Verstecken und Verfolgen, wo man schaut: Was ist denn davon, was stimmt wirklich? Man ist dann mal enttäuscht und zieht sich zurück. Und es gibt dann so ein Spiel von Nähe und Distanz, die sich abwechselt. Das ist so ein Findungsprozess, wo man auch prüft: „Sind wir's?“ (39:35) Und dann wird eine Entscheidung getroffen. Aber es gibt immer und immer wieder in den Jahren eine Entscheidung und noch eine und noch eine. Das ist eine Vertiefung dann. Und ab dem Moment beginnt die Liebe unabhängiger zu werden von dem, was der andere tut. Also ich entscheide mich für einen Menschen! (40:50) Wenn diese Entscheidung getroffen ist, haben die Beteiligten die Möglichkeit des Sortieren und Ordnens. Also das ganz feine Sortieren, wer der andere ist, was seine Geschichte aus dem Kollektiv mitbringt und wo wir respektvoll einander das  mitteilen und gut sortieren, was wir alles brauchen, damit Liebe möglich ist.

SPRECHERIN

Doch diese Eigendynamik in der Entwicklung von Paarbeziehungen zwischen Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann ist nicht alles, was herausfordert. In den letzten Jahren hat sich zudem herausgestellt, dass auch die ganz individuellen Wachstumsphasen jedes Einzelnen ihren Niederschlag im Beziehungsprozess haben.

SPRECHER

Ausgehend von den Erkenntnissen der modernen Bewusstseins-Forschung lautet die These, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens innerlich wächst. In einer jungen, selbstbezogenen Phase suchen Männer und Frauen oft die an traditionellen Werten ausgerichtete Ehe. Wachsen sie in die Moderne, orientieren sie sich am beruflichen Erfolg und der gesellschaftlichen Anerkennung, wollen aber auch über ihre psychischen Begrenzungen hinauswachsen. In der Postmoderne geht es vielen dann um die Sinnsuche, Authentizität, spirituelles Wachstum, Autonomie und Selbstverwirklichung. Und auf einer integralen Ebene kann es darum gehen, alle Stufen wie Werkzeuge zu nutzen. Das wirkt sich so oder so auf die Partnerschaften aus, sagt der Autor und ‚integrale Beziehungsforscher’ Martin Ucik: 

ZUSPIELUNG         Wort  13             (19:10)

Durch diese integralen Landkarten hat man jetzt eine ganz andere Chance, mit dem einen Partner durch diese  verschiedenen Stufen wachsen zu können. Aber allgemein gesprochen, ist es natürlich so , dass sehr oft, so  war das auch in meinen Beziehungen, dass ich eben eine traditionelle Ehe erst mal mit meiner ersten Frau ausgelebt habe. Und als das dann seinen Zweck erfüllt hatte , war dann halt Scheidung. Und dann habe ich eine moderne Ehe mit meiner zweiten Frau geführt. Und dann habe ich mich dort wieder getrennt. Und dann viele postmoderne – da hat man viele Beziehungen in der Regel gelebt in schneller Reihenfolge. Und von dort kann man dann wieder auf diese integrale Ebene kommen und dort neue Beziehungsformen finden, die dann wieder eher monogam sind. Man kann entweder mit einem Partner durch diese ganzen Stufen durchgehen bewusst oder man macht es eben mit mehreren Partnern.

SPRECHERIN

Kein Wunder, dass auch langjährige Partner oft davon berichten, dass sie zwar beieinander blieben, es sich über die Jahrzehnte aber so anfühle, als hätte man das geliebte Gegenüber in vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten erlebt. Wenn die Veränderung des Anderen allerdings nicht ertragen wird oder das innere Wachstum sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten vollzieht, dann können die Brüche unüberwindbar werden.

SPRECHER

Das verlangt Bereitschaft zur Transformation oder Erweiterung  der Regeln. Zumal sich in einer grundsätzlichen Freiheit von gesellschaftlich erzwungenen Beziehungsformen alle möglichen Optionen öffnen können. Der Hamburger Diplompsychologe, Autor und Paarberater Holger Lendt beobachtet in seiner therapeutischen Praxis eine Vielzahl neuer Begegnungsformen jenseits der klassischen ‚Zweierkiste’.

ZUSPIELUNG         Wort   14                  12:57

Den so genannten ‚Singles aus Leidenschaft’ – da gibt’s eine richtige Bewegung in den USA, wo sie sagen sie sind ‚Wider den Pärchen-Wahnsinn’. Warum soll ich nicht alleine glücklich sein? Und wenn ich  Sexualität möchte, dann habe ich die Möglichkeit in einer offenen liberalen Gesellschaft, auch die Sexualität zu leben in einer eher unverbindlichen Form. (14:40) Und dann gibt es die offenen Beziehungen, wo Menschen sich Affären erlauben, sexuelle Abenteuer, Seitensprünge. (15:30) Und dann gibt es noch das vielleicht freieste und umfassendste Beispiel der Polyamorie. Polyamorie sagt explizit ‚mehrfach zu lieben’. Daß  es nicht nur um Sexualität geht mit anderen, sondern mehrere Formen, wo ich auch lieben darf. Das heißt, die Menschen sagen: Es ist nicht mal die Partnerschaft selber exklusiv und die emotionale Liebe ist exklusiv, sondern da darf ich auch mich  mehreren Menschen öffnen und hingeben.   

SPRECHERIN

Doch die radikale Freiheit in Sachen Liebe, welche die Gesellschaft nach Jahrhunderten der Repression mittlerweile prinzipiell bietet, macht Angst. Zwar lockt sie mit Libertinage und einer Vielzahl von Erfahrungen. Für nicht Wenige  aber ist sie zugleich eine Überforderung, werden doch die ganzen Ängste vor Verlust und unkontrolliertem Wandel, die eigenen Abhängigkeiten und Traumatisierungen hochgewirbelt. 

SPRECHER

Ganz Mutige zieht es deshalb auch in alternative Gemeinschaften, die erkannt haben, dass eine Überschreitung innerer Grenzen zu zweit kaum zu schaffen ist, sondern ein weiteres kulturelles Feld der Unterstützung braucht. Ina Mayer-Stoll vom ‚ZEGG’, dem ‚Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung’ in Belzig bei Berlin drückt das so aus: 

ZUSPIELUNG         Wort   15        (14a227)

Für mich ist freie Liebe der Versuch, die Liebe frei zu schaufeln von Angst und von Lüge und von Verstellung. Wir sagen oft Liebe und meinen Besitz oder meinen Bedürftigkeit. Die Liebe möchte eigentlich den anderen in seiner Schönheit und in seiner Größe wachsen sehen. (13a166) Der Versuch hier auf dem Platz ist, ja zu sagen, Liebe ist nicht gekoppelt mit Besitz. Und wenn ich eine Person liebe, heißt das nicht, daß  ich diese Person besitze, daß  sie mein Eigentum ist oder daß  ich über sie verfügen darf. Wir versuchen, hier eine Kultur aufzubauen, wo die Liebe sich entfalten darf zwischen einem Mann und einer Frau zum Beispiel, und wo wir dann für die aufkommenden Fragen und Konflikte, wo die nicht mehr nur zu zweit geklärt werden. Wir brauchen deshalb größere Formen, um mit den Konflikten, die in der Liebe entstehen, umzugehen.

SPRECHER

Dieser radikale Weg, gemeinsam in Offenheit und Ehrlichkeit die Emotionen zu bearbeiten, die beim Zerfall traditioneller Beziehungsformen entstehen können, mag nicht jedermanns  und jederfraus  Sache sein. Aberwas fast allen Paaren in einer  Kultur mit weniger Normen bevorsteht, ist eine Klärung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, eine Entscheidung über die eigene Art der Liebe, ein Bewusstsein für Chancen und Überforderungen.
 

SPRECHERIN

Freiheit kann Angst machen. Und Wachstum scheint immer mit Leiden verbunden, weil zugleich etwas Altes stirbt. Nicht selten sind die Experimente mit neuen Formen von Partnerschaften auch mehr von Chaos und der schmerzhaften Erkenntnis geprägt, dass es so wie bisher nicht weitergeht, als von einer klaren Vorstellung des  Wohin.  Therapeuten und Paarberater sind sich ziemlich einig darin, dass es den meisten letztlich darum geht, die alten polaren Bedürfnisse von Verbundenheit und Freiheit in einer reifen Beziehung irgendwie zusammen zu bringen.

SPRECHER

Doch fraglos stehen die Menschen in der heutigen Gesellschaft auch im Privaten Bereich vor einer Gratwanderung ,  in einer n Schwellenzeit, in der die ungewohnte Freiheit Verantwortung verlangt, vielleicht den Mut zu experimentieren und dann die Entscheidung. Wie das geht, muss in den komplexen Beziehungslandkarten der Gegenwart offen bleiben. Dolores Richter plädiert dafür, statt privat an Freiheit und Wachstum zu leiden, das Versteckspiel zu beenden und sich auszutauschen über Liebesdinge, die jeder kennt und doch alle verstecken:

ZUSPIELUNG            Wort  16        (20:35)

Ich glaube daran, dass Partnerschaft möglich ist.  (22:24) Es gibt die Möglichkeit für diese Erweiterung dieses Denkens in der Liebe sich in Gruppen zusammen zu finden, Freundschaften, Begegnungen, wo man eben das Private nicht immer raushält, sondern drüber spricht, was los ist. Es geht vielleicht einfach darum, dass wir wagen, mehr uns reinschauen zu lassen in unser wirkliches Leben. Das würde total viel verändern. Also Schutzräume, Vertrauensräume zu stiften, wo gesprochen wird.  

SPRECHERIN

Gesellschaftlich könnte das Ziel sein, Wunsch und Wirklichkeit mehr zueinander zu bringen und die Kultur von der Not der massenhaften Lügen und Versteckspiele zu befreien. Individuell scheint es darum zu gehen, einander vor  zu großen Erwartungen zu bewahren,  und die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse zu übernehmen, anstatt sich gegenseitig zu verurteilen und anzugreifen.

SPRECHER

Liebe bleibt das Streben nach Ganzheit. Und sie wird weiter ihren Ausdruck suchen im Emotionalen, im Körperlich-Instinktiven und im Ideellen, in  Vernunft und Entscheidung. Vielleicht war es nie schwieriger als heute, diese divergierenden Kräfte in eine Balance zu bringen. Auch wenn niemand weiß, wie es geht, ist es vielleicht gut, offen zu sein   meint  die Psychologin und Autorin Alexandra Schwarz-Schilling:

ZUSPIELUNG                Wort   17        (3/ 17:10)

Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen: So und so wird es aussehen. Wir müssen von dem, wo wir heute sind, ausgehen, neue Räume schaffen, in denen wir an diesen Themen forschen können, wo wir experimentieren können, wo wir uns zeigen können mit dem, was gerade ist, und da wird Vielfalt entstehen. Und es wird nicht nur eine Form geben die wieder in richtig oder falsch eingeteilt wird. Das gehört überhaupt nicht zu diesem Prinzip dazu. Es geht darum, mit diesen Bewertungen aufzuhören und mehr Sachen nebeneinander gleichwertig stehen zu lassen.

                 ENDE

Literatur der Gesprächspartner:

Fiess, Frank: Du bist der Mann Deines Lebens. Bewusstes Mann-Sein als Quelle im Alltag, Verlag Simon & Leuthner, 2006

Lendt, Holger & Lisa  Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe, Pendo-Verlag, 2012

Richter, Dolores: Die Liebe als soziales Kunstwerk, edition zeitgeist 2006

Schwarz-Schilling, Alexandra & Christin Müller-Colli: Gemeinsam frei sein. Wege ins Beziehungsglück, Orlanda-Verlag, 2011

Ucik, Martin: Integrale Beziehungen: Ein Ratgeber für Männer, Phänomene Verlag 2013

Internet-Hinweise:

Männer und Frauen-Kongress: www.maenner-kongress.de/programm-2013.html

Und: www.frauen-kongress.com